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Rettungsassistent auf Haiti

Tagebuch über den Haiti-Einsatz von Tobias Kann

29.01.2010: Von der Malteser Rettungswache nach Leogane

Tobias Kann ist seit seinem Zivildienst 1994 bei den Maltesern in Gräfelfing. Heute ist der 36-Jährige dort hauptamtlich beschäftigt und wirkt ehrenamtlich in der Betreuungs- und Verpflegungsgruppe der SEG des Malteser Hilfsdienstes Gräfelfing mit. Auslandserfahrung hat er reichlich und war schon bei vielen Katastropheneinsätzen dabei. Jetzt hat sich der Motorrad-Fan und erprobte Fotograf ehrenamtlich für die medizinische Arbeit in Leogane gemeldet. Am 29. Januar ist er - nach einer Einweisung in die von EADS für Haiti gespendete Rettungsstation - von Düsseldorf Richtung Haiti aufgebrochen. Soweit es ihm möglich ist, wird er hier im Haiti-Blog in Kurzbeiträgen von der Arbeit in Leogane berichten.

30.01.2010: Port-au-Prince 22:39 Uhr (local time)

Sind in Port-au-Prince. Reise war lang, aber gut. Die Air Berlin Crew war sehr fürsorglich. Grenze ist komplett offen. Straßen hier voll. Team ausgelastet. Freue mich!

31.01.2010: Erster Tag im Camp - Wundversorgung und Spätfolgen

Inforunde in Port-au-Prince und Leogane: Zerstörung teilweise unfassbar. Die Menschen improvisieren. Erster Tag im Camp in Leogane: Wundversorgung und Spätfolgen. Logistik schwierig, Stimmung gut.

01.02.2010: Heute ca. 110 Patienten

Heute ca. 110 Patienten. Sichtung zweier Dörfer. Wir versuchen, ein zweites Camp einzurichten, da Versorgung der Menschen noch sehr spärlich. So viele Kinder! Hatte Tränen in den Augen.
Der Toilettenbau beginnt. Stimmung ist gut.

02.02.2010: Bei 40 Grad mit Dieselaggregat Wasserversorgung gerettet

Heute gefühlte 40 Grad. Patienten verlegt, um mehr Platz für die anderen Patienten zu schaffen. H2OPumpe [Wasserpumpe] ohne Strom; nach einiger Improvisation mit ArcheNova ein Dieselaggregat vom Grundbesitzer angeschlossen. Wasser war schon fast aus gewesen.

Müde, da nachts die Aggregate laufen, Hunde bellen. Ab 4:30 Uhr betende Menschen aus den Zelten drumrum. Mangos vom nächsten Baum - unglaublich gut!

03.02.2010: Warten dringend auf die EADS-Rettungsstation

Heute noch heißer. Haben eine Patientin röntgen lassen und gegipst, die seit dem Bebem wegen zu geringer Röntgen-Kapazitätenn mit instabiler LWK-Fraktur [Bruch eines der Lendenwirbelkörpers] hier lag. Container mit der EADS-Rettungsstation kommt eventuell morgen. Sprechen mit dem THW und der kanadischen Armee über das Entladen, da 5,6 Tonnen schwer. Erwarten die Rettungsstation dringend für bessere Behandlungsbedingungen.  

04.02.2010: Dr. Dietz: Gelegentlich noch Erdstöße

Seit Ende Januar ist Dr. Bernd Dietz in Leogane - ehrenamtlich. Der 66-jährige Chirurg aus Scheßlitz war für Malteser International schon in verschiedenen Nothilfe-Einsätzen aktiv. Auf die Frage, wie es ihm geht, hat er folgende SMS zurückgeschrieben: Können zur Zeit nicht ins Internet. Wenn man davon absieht, dass wir nur schwer Zugang zu Waschgelegenheiten und Toilette haben, geht es trotz gelegentlicher Erdstöße recht gut.

04.02.2010: Kocher, Töpfe, Stühle sind da!

Heute alle müde. Ein zwei Wochen alter Zwilling wurde gebracht, gleich verlegt, wird wohl sterben, da zu dehydriert [ausgetrocknet]; Mutter krank, Bruder starb nach drei Tagen. Kocher, Töpfe, Stühle etc. sind da - wir werden unabhängiger! Der Container mit der EADS-Rettungsstation ist da; wir waren beim kanadischen und US-amerikanischen Militär wegen Abladen (5,6 Tonnen); hoffen auf Lösung morgen. Medikamente für Kinder aufgetrieben.

05.02.2010: EADS-Rettungsstation mit Kran der kanadischen Armee abgeladen

Sehr langer Tag: Stromaggregat für Wasser kaputt, zusammen mit haitianischem Helfer repariert. Container mit der EADS-Rettungsstation mit Kran der kanadischen Armee abgeladen; ging schnell und unbürokratisch; alle freuen sich; morgen Inbetriebnahme. Abends Junge nach Motounfall gekommen, Gehirnerschütterung, bleibt mit Schwester hier. Essen Zuckerrohr und Mango.

06.02.2010: Viele Patienten, gerade Nachbeben, keine Toiletten

Fast alle ohne Pause gearbeitet: viele Patienten. Aggregat in Betrieb, Container der EADS-Rettungsstation fast bereit. Gerade eben (23:06 Uhr) Nachbeben - kurz, aber kräftig. Abends 3 gestürzte Motorrad-Fahrer. Haben endlich großen Tisch gebaut, aber keine Toiletten mehr, da die UN-Einheit von Sri Lanka uns nicht mehr lässt - viel zu viel frequentiert? Müssen improvisieren...

07.02.2010: EADS-Rettungsstation ist in Betrieb!

Container mit der EADS-Rettungsstation ist in Betrieb! Zwar noch nicht komplett eingerichtet, aber heute erster Einsatz: Schleimbeutelentfernung nach Sturz auf Knie. Herrliche Bedingungen! Patienten freuen sich über Feldbetten. Generator [für Trinkwasser] plaziert und in Betrieb. Ruhiger Tag dank Sonntag. Hygienische Bedingungen schwierig, da Toiletten in Sri Lankischen UN-Camp nach wie vor nicht benutzt werden können.

08.02.2010: Viele Patienten, auffallend oft Schwangere mit Traumata

Das Klima ist tagsueber feucht und heiss, kommen mit Trinken kaum nach. EADS-Rettungsstation den ganzen Tag in Betrieb. Reorganisieren jetzt die Patientenzelte und verteilen EADS-Betten. Sehr viele Patienten. Auffallend oft Schwangere mit Problemen durch Trauma (psychisch und physisch) bei Einsturz. Haben Sterilisator aus dem WHO-Kit in Betrieb genommen.

09.02.2010: Vier Sekunden starkes Nachbeben - unheimlich!

Vor einer Stunde fast vier Sekunden Nachbeben, relativ stark. Unheimlich! Zwei Zelte von der EADS-Rettungsstation auf festem Boden aufgebaut. Patienten freuen sich schon. EADS-Rettungsstation in vollem Betrieb. Viele gynäkologische Untersuchungen und Fäden ziehen. Patienten-Toiletten fast fertig, wir warten noch drauf. Gerade eben urologischer Notfall.

10.02.2010: Lager voll - Arbeit läuft

Schlecht geschlafen, nicht gegessen, bin vorher herrlich am Tisch eingeschlafen :-)
Neue Lieferung mit Rollstühlen, Medikamenten und medizinischem Material angekommen. Lager voll, Arbeit läuft. Patienten sind in die Zelte der EADS-Rettungsstation umgezogen - allgemeine Begeisterung.
Essen Unmengen Mangos, Kokosnüsse und Zuckerrohr. Zum Glück sind die Patienten-Toiletten fertig.

11.02.2010: Selbstgemaltes Malteser Schild auf der Straße aufgestellt

Platz der alten Zelte planiert, morgen kommt Kies, dann ziehen wir mit den Patienten wieder zurück und bleiben dort. Von den Volunteers gemaltes Malteser Schild an der Straße aufgestellt. Wieder neue Krankenschwestern aus Miami eingetroffen. Abends verwirrte Frau auf der Straße aufgelesen und sie ins Krankenhaus gebracht, aus dem sie entlaufen war. Es ist heiß und schwül!!

12.02.2010: Bewegender Gottesdienst mit den Patienten

Heute ist offiziell ein Erdbeben-Trauertag. Haben bewegenden Gottesdienst mit den Patienten abgehalten. Dank der Staatstrauer ist es ruhig, trotz der obligatorischen Motorrad-Unfälle. Täglich kommen mehr Leute, die Arbeit, Essen oder Zelte suchen. Wir können das nicht bieten und müssen sie weiterschicken. Traurig! Fühlen uns manchmal hilflos.

13.02.2010: Ein ruhiger Tag - Patienten sind so freundlich und fröhlich

Wegen Staatstrauer heute wieder ruhig. Haben Camp mit eigenem Wassertank verfeinert, für kommende Woche geplant und bei der kanadischen Armee Essenspakete für Patienten und unsere haitianischen Helfer geholt. Die Patienten im Camp sind so freundlich und fröhlich, absolut bewundernswert nach allem! Sie werden uns allen fehlen! Ich genieße die ruhigen Minuten.

14.02.2010: Kein Karneval, aber Regen

Auf die Frage, wie es - vor dem Beben - in Haiti mit Karneval stand, antwortete Tobias Kann: Karneval ist sogar sehr beliebt, fällt natürlich aus! Letzte Nacht Regen, Menschen haben keine Zelte! Laut Radio sind Demos geplant. Mehr Regen = mehr Probleme für alle hier!

14.02.2010: Zelte sind langsam voll

Immer noch recht ruhig, da Staatstrauer. Haben Papierkram erledigt und konnten etwas ausspannen. Patieten kamen fertig operiert vom US-Schiff zurück. Unsere Zelte sind langsam voll. Wir haben nochmal das zweite Camp in Darbonne besichtigt und Gottesdienst beigewohnt. Morgen geht das zweite Camp los! Auch morgen erste geplante OP im Container der EADS-Rettungsstation.

15.02.2010: Endlich flächendeckende Verteilung von Zelten

Wieder OP gehabt: Liporn-Entfernung am Rücken. Dazu wieder viele Schwangere und Kinder. Die medizinische Arbeit tendiert immer mehr zu Alltag und Gynäkologie beziehungsweise Geburtshilfe. Endlich geht die flächendeckende Verteilung von Zelten los. Der Unmut der Bevölkerung wird auch für uns spürbar. Gegen 21:10 Uhr ein deutliches Nachbeben. Morgen wieder eine OP.

16.02.2010: Bringen gerade ein Kind zur Welt...

Waren zum zweiten Mal in der Gesundheitsstation in Darbonne. Viele Patienten dort sind schlechter versorgt als in Leogane. Hl. Messe in Leogane mit dem Malteser International-Bischof Marc Stenger aus Frankreich; Ordensschwestern und kanadische Armee waren auch da. Bringen gerade (1:30 Uhr) Kind zur Welt, wird noch ein paar Stunden dauern.

17.02.2010: Die kleine Carencha ist da!

Um 01:47 Uhr ist die kleine Carencha mit 3.000 g gesund und munter zur Welt gekommen!

17.02.2010: Zelte jetzt regensicher / morgen Abreise

Patienten-Zelte regensicher am endgültigen Platz verbaut. Patienten freuen sich sehr, denn in der Nacht zuvor gab es Sintflut-ähnlichen Regen mit nassen Füßen. Gesundheitsstation in Darbonne wird angenommen, mehr Patienten. OP im Container der EADS-Rettungsstation: Leistenhernie. Viel Arbeit, da morgen Aufbruch: Ölwechsel beim Generator, Arbeitshilfen schreiben, Einweisungen etc.

18.02.2010: Tobias Kann auf dem Rückweg

Bin mit UN-Hubschrauber nach Santo Domingo geflogen. Die Dominikanische Republik erscheint mir ganz merkwürdig: Häuser stehen, sauber, gute Straßen, fließendes Wasser, Strom, Infrastruktur - irgendwie funktioniert alles! Die Menschen müssen nicht um alles kämpfen. Fühlt sich ungewohnt an, nicht unbedingt gut. Ist die Welt gerecht???

22.02.2010: Einfach da sein und handeln, weil Nähe zählt (Abschlussbericht)

Nun bin ich wieder zu Hause. Mit Kühlschrank, fließendem Wasser, Strom aus der Steckdose, einem richtigen Bett und nicht zuletzt einem Dach über dem Kopf.

Am zweiten Tag daheim ist natürlich geistig und seelisch alles in Bewegung, und vielen Erlebnissen werde ich mir erst in Wochen oder Monaten bewusst werden. Doch etwas kann ich auch so schon berichten:
Alles in allem war es für mich, und wie ich meine auch für das ganze Team, ein guter, bereichernder und wenn man so will sogar schöner Einsatz. Das hat mehrere Gründe. Zum Einen war ich nicht in der ersten Phase dort, als noch viele Menschen lebend unter den Trümmern lagen und den armen Helfern wirklich die Zeit davon gelaufen ist. Zum Anderen kann der Mensch kaum etwas so gut wie sich anpassen beziehungsweise verdrängen. Schon nach ein paar Tagen waren die Trümmer um mich herum etwas nicht mehr so Außergewöhnliches, nach einer Woche waren sie vollkommen normal. Dazu hat man so viel damit zu tun sich um die Patienten und auch um sich selber zu kümmern, dass oft sehr wenig Zeit und Ruhe bleibt, sich all der Dinge um einen herum Gedanken zu machen.

Erst wenn Gegebenheiten positiv wie negativ herausstechen, wird man sich der Umstände wieder gewahr. So zum Beispiel in dem Moment, als der Vater seinen schon zum sterben verurteilten Säugling brachte. Oder wenn Patienten erzählten, dass sie teilweise noch über zehn Familienangehörige unter den Trümmern suchen. Oder die 70-jährige verletzte Frau in unserem Camp, die ihr Schicksal mit bemerkenswerter Würde trägt. Diese Liste an Furchtbarem ließe sich noch viel weiter ausführen, doch es gab eben auch viel Positives: die ganz tolle Teamarbeit unter uns Maltesern, unsere Koordinatoren Bea und Wanda, die sich für uns alle sehr wenig Schlaf gegönnt haben, die wieder spielenden Kinder im Camp, die gelungene Geburt oder der Dank der Patienten. Auch die tolle Zusammenarbeit z.B. mit dem THW, der kanadischen Armee, unserem Grundstücksbesitzer Michael und den Leuten von EADS hat uns das Leben deutlich leichter gemacht.

Wenn man mich nun fragen würde, ob ich wieder so einen Einsatz machen wolle, so würde ich mit einem klaren Ja antworten.

Wie gesagt, all die Trümmer rücken ganz weit in den Hintergrund. Dafür stehen ganz ganz weit vorne die Menschen und die Freude an der Arbeit! Die Freude daran, dass man seinen Beruf und vielleicht auch seine Berufung ausüben darf. Im wahrsten Sinne des Wortes ohne Grenzen: keine Bürokratie, keine politischen Hürden, kein in Frage stellen der Sinnhaftigkeit. Einfach da sein und handeln, weil Nähe zählt.




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